Ein Beitrag von M. Sc. Psych. Jana Schneider

Beitrag von Dezember 2023, zuletzt aktualisiert am 14. Juli 2026

Viele psychische Erkrankungen beginnen nicht erst im Erwachsenenalter. Bereits in Kindheit und Jugend werden häufig die Weichen für die spätere psychische Gesundheit gestellt. Tatsächlich zeigt sich, dass fast 50 % aller psychischen Störungen ihren Beginn im Kindes- und Jugendalter haben (Solmi et al., 2022). Umso wichtiger ist eine frühzeitige und wirksame Behandlung. Doch genau hier kommen noch immer Hürden auf: lange Wartezeiten, weite Anfahrtswege oder fehlende Therapieangebote vor Ort. Digitale Behandlungsformen können dazu beitragen, diese Versorgungslücken zu verkleinern. Doch wie wirksam sind Online-Therapien tatsächlich bei Kindern und Jugendlichen? Die Forschung der vergangenen Jahre liefert darauf zunehmend klare Antworten.

Die Rolle von Online-Therapien in der Kinder- und Jugendpsychotherapie (KJP)

Die COVID-19-Pandemie hat die Bedeutung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachhaltig in den Vordergrund gerückt. Aktuelle Längsschnittdaten zeigen, dass die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland weiterhin deutlich schlechter ist als vor der Pandemie und dass sich dieser negative Trend seit Herbst 2024 nicht weiter verbessert hat: Rund jede vierte Jugendliche (ca. 22%) berichtet über Angstsymptome, und etwa jede fünfte (ca. 23%) über eine eingeschränkte Lebensqualität (Ravens-Sieberer et al., 2025). Dabei stehen heute nicht mehr nur die Folgen der Pandemie im Vordergrund. Viele junge Menschen sorgen sich um Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten oder den Klimawandel. Die Nachfrage nach psychotherapeutischer Unterstützung bleibt daher hoch – und mit ihr die Frage, wie Versorgung niedrigschwellig und flexibel gestaltet werden kann.

In diesem Kontext gewinnen digitale Behandlungsansätze, insbesondere Online-Therapien, an Bedeutung. Die Verfügbarkeit von Serious Games (wie dem vor allem im angeläschsichen Raum genutzten, aus Neuseeland stammenden interaktiven Fantasy-Spiel »SPARX – Take Control«), internetbasierter Interventionen mit Algorithmen zur Anpassung des Behandlungsprogramms an die individuelle Psychopathologie der Patient:innen sowie Psychotherapie per Video eröffnen neue Wege in der Kinder- und Jugendpsychotherapie. Während die Wirksamkeit der Online-Therapie für Erwachsene bereits umfangreich untersucht ist, hat die Forschung im Bereich der Kinder- und Jugendpsychotherapie (KJP) in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt. Wir haben für Sie die interessantesten Informationen zur Wirksamkeit von Online-Therapien im KJP-Bereich zusammengefasst.

Wirksamkeit der Psychotherapie per Video bei psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen

Die videobasierte Psychotherapie für Kinder und Jugendliche bietet den Vorteil, dass die Therapie individuell an die Bedürfnisse der jungen Patient:innen angepasst werden kann. Selbst Expositionen können zu Hause durchgeführt und per Video von den behandelnden Psychotherapeut:innen begleitet werden.

Daten einer Metaanalyse der Forschungsgruppe um von Wirth et al. (2024) geben erste Einblicke in die Wirksamkeit der Videopsychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Dabei wurden 12 randomisiert-kontrollierte Studien eingeschlossen, die eine Videopsychotherapie mit einer Kontrollbedingung verglichen. Die Ergebnisse liefern vorläufige Belege für die Wirksamkeit der Videopsychotherapie: Videopsychotherapie stellt demnach eine effektive Behandlungsmethode für Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen und deren Eltern dar. Im Vergleich zu einer Wartelisten-Kontrollbedingung zeigte sich ein großer Effekt auf die Symptomreduktion. Im Vergleich zur Präsenzbehandlung zeigte sich, dass Videopsychotherapie genauso effektiv ist, wenn es darum geht, die Symptome der Kinder zu reduzieren und deren funktionale Beeinträchtigungen zu verbessern (von Wirth et al., 2023). Besonders wirksam stellte sich die Videotherapie heraus, wenn es um die Behandlung internalisierender Störungen ging – im Vergleich zu externalisierenden und Tic-Störungen (von Wirth et al., 2023).

Wirksamkeit von IMI im Bereich der Kinder- und Jugendpsychotherapie

Diese Anwendungen sind für eine Vielzahl von Störungsbildern konzipiert, insbesondere für depressive Störungen, Angststörungen, Verhaltensstörungen, Essstörungen, Zwangsstörungen, psychotische Störungen, Tic-Störungen und hyperkinetische Störungen. Trotz dieser vielversprechenden Interventionsform ist die Studienlage im KJP-Bereich im Vergleich zum Erwachsenenbereich weiterhin schmaler, wenngleich sie sich in den vergangenen Jahren merklich erweitert hat.

Domhardt et al. (2020) haben die wichtigsten Studien zur Wirksamkeit von IMI im KJP-Bereich zusammengestellt. Die Forschungsergebnisse dieser Studien unterstreichen die Wirksamkeit von Internetbasierten Interventionen (IMI) bei der Behandlung verschiedener psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Im Vergleich zu Wartelistenkontrollgruppen erzielen IMI tendenziell mittlere Effektstärken. Bei der Behandlung von Angststörungen reichten die Effektstärken von 0,30 bis 1,40 (Domhardt et al., 2020).

Auch neuere Forschungsarbeiten zeichnen ein positives Bild digitaler Interventionen für junge Menschen. Eine Metaanalyse von Fischer-Grote et al. (2024), die 17 randomisiert-kontrollierte Studien mit mehr als 8.700 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einschloss, zeigt klinisch relevante Verbesserungen insbesondere bei Angststörungen und depressiven Symptomen. Darüber hinaus profitierten die Teilnehmenden von einer verbesserten sozialen Funktionsfähigkeit. Für andere Zielgrößen wie das allgemeine Wohlbefinden oder Essstörungen ließ sich hingegen bislang keine eindeutige Wirksamkeit nachweisen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass digitale Interventionen nicht für alle Störungsbilder gleichermaßen geeignet sind. Insbesondere bei Angststörungen und Depressionen sprechen die bisherigen Befunde jedoch für einen sinnvollen Einsatz als Ergänzung der psychotherapeutischen Versorgung (Fischer-Grote et al., 2024). Diese Entwicklung spiegelt sich zunehmend auch in der digitalen Gesundheitsversorgung wider. Während für Erwachsene bereits zahlreiche Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) verfügbar sind, fehlten entsprechende Angebote für Kinder und Jugendliche lange Zeit vollständig. Seit Juli 2025 ist mit hiToco®: ADHS Elterntraining erstmals eine DiGA im BfArM-Verzeichnis gelistet, die speziell im kinder- und jugendpsychotherapeutischen Kontext eingesetzt werden kann. Trotz dieses wichtigen Schritts bleibt das Angebot für Kinder und Jugendliche im Vergleich zum Erwachsenenbereich bislang noch deutlich begrenzter.

Wirksamkeit von Serious Games in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen

Serious Games werden zunehmend als ergänzende digitale Intervention in der psychischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen untersucht. Serious Games sind interaktive Spiele, die primär nicht der Unterhaltung, sondern der Vermittlung von kognitiven Prozessen, Fertigkeiten oder Verhaltensweisen dienen. Dennoch sind es von Anfang bis Ende durchgeplante Spiele mit einer typischen Spielstruktur und -aufbau, anders als bei der Gamification, in der lediglich Teile spielerischer Elemente in Online-Programmen eingebaut werden. Daten einer Metaanalyse der Forschungsgruppe um David et al. (2020) geben Hinweise auf die tatsächliche Wirksamkeit von Serious Games in Hinblick auf die Vermittlung mentaler Gesundheit und gesundheitsbezogenen Verhaltensänderungen bei Kindern und Jugendlichen.

Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend, fallen insgesamt jedoch zurückhaltender aus als bei der Videotherapie. Eine Metaanalyse von David et al. (2020) fand zwar positive Effekte auf die psychische Gesundheit zum Ende der Behandlung, diese konnten in den verfügbaren Nachuntersuchungen jedoch nicht dauerhaft bestätigt werden. Die Autor:innen weisen zudem darauf hin, dass Studien mit geringerer methodischer Qualität tendenziell günstigere Ergebnisse berichteten. Dies spricht dafür, die bisherigen Wirksamkeitsnachweise vorsichtig zu interpretieren. Zu einem ähnlichen Fazit kommt eine neuere Übersichtsarbeit von Vié et al. (2024). Die Autor:innen zeigen, dass Serious Games insbesondere dann erfolgversprechend sind, wenn sie gemeinsam mit jungen Nutzer:innen entwickelt werden und in ein therapeutisch begleitetes Behandlungskonzept eingebettet sind. Die größte Wirksamkeit scheint somit nicht im Spiel allein zu liegen, sondern in der Kombination aus digitalem Angebot und professioneller Unterstützung.

Digitale Natives – Psychotherapie im gewohnten digitalen Umfeld

Ein häufig geäußerter Vorbehalt gegenüber digitalen Therapieformaten betrifft die therapeutische Beziehung. Gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stellt sich die Frage, ob eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auch über Video gelingen kann.

Die bisherigen Studienergebnisse stimmen hier jedoch zuversichtlich. In der heutigen digitalen Welt wachsen Kinder und Jugendliche als »digitale Natives« auf. Junge Patient:innen berichten insgesamt von einer hohen Zufriedenheit mit digitalen Therapieangeboten, und auch die therapeutische Beziehung wird überwiegend positiv bewertet. Die vorhandenen Befunde sprechen dafür, dass Videoformate den Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Allianz in der Regel nicht beeinträchtigen (von Wirth et al., 2024).

Auch hinsichtlich der Wirksamkeit fällt das Fazit positiv aus. Digitale Psychotherapie führt zu klinisch relevanten Verbesserungen und ist Wartelisten- oder Kontrollbedingungen überlegen. Für die am besten untersuchten Störungsbilder, insbesondere Angststörungen und Depressionen, zeigen sich im direkten Vergleich zur Präsenztherapie überwiegend vergleichbare Behandlungsergebnisse (von Wirth et al., 2023; Fischer-Grote et al., 2024). Digitale Psychotherapie sollte daher nicht als Ersatz, sondern als sinnvolle Erweiterung bestehender Versorgungsangebote verstanden werden. Sie eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, psychotherapeutische Unterstützung flexibel und bedarfsgerecht bereitzustellen, ohne dass dabei zentrale Wirkfaktoren der Therapie verloren gehen.

Chancen nutzen: Kindern und Jugendlichen psychotherapeutische Unterstützung bieten, die sie verdienen

Die bisherige Forschung zeichnet ein zunehmend klares Bild: Videotherapie kann bei Kindern und Jugendlichen klinisch relevante Verbesserungen bewirken und erreicht insbesondere bei Angststörungen und Depressionen vergleichbare Ergebnisse wie die Präsenztherapie. Damit steht heute deutlich mehr Evidenz zur Verfügung als noch vor wenigen Jahren.

Gleichzeitig bietet die Videotherapie praktische Vorteile für viele Familien. Wegfallende Anfahrtswege, flexiblere Terminmöglichkeiten und eine ortsunabhängige Durchführung können den Zugang zu psychotherapeutischer Unterstützung erleichtern, insbesondere in Regionen mit geringer Versorgungsdichte oder bei organisatorischen Belastungen im Familienalltag. Dennoch ist Videotherapie nicht für jede Situation die beste Lösung. Wie bei allen psychotherapeutischen Verfahren sollten Indikation, Alter, Symptomatik und individuelle Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.

Digitale Angebote ersetzen daher nicht die Präsenztherapie, sondern erweitern die bestehenden Behandlungsmöglichkeiten um eine zusätzliche Option. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen, die Chancen digitaler Versorgung verantwortungsvoll zu nutzen und gleichzeitig sicherzustellen, dass Kinder, Jugendliche und Familien unabhängig von ihren technischen, sozialen oder finanziellen Voraussetzungen gleichermaßen von diesen Entwicklungen profitieren können.

Quellen


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